Volatilität · Earnings

IV Crush bei Earnings: warum Optionen nach den Quartalszahlen an Wert verlieren

IV Crush ist der schnelle Einbruch der impliziten Volatilität, sobald ein erwartetes Ereignis wie die Quartalszahlen vorbei ist. Vor dem Termin preisen Optionen einen großen Kurssprung ein und sind entsprechend teuer; danach ist die Unsicherheit weg, und mit ihr ein großer Teil des Zeitwerts. Deshalb kann ein Call nach guten Zahlen verlieren, obwohl die Aktie steigt – wenn sie weniger steigt, als der Markt eingepreist hatte.

Von Daniel Berg ·

Ein Call vor und nach den Zahlen (Beispiel unten)

Aktie nach den Zahlen

+4 %

IV vor den Zahlen
80 %
IV danach
30 %
100-$-Call vorher
4,40 $
100-$-Call danach
4,30 $

Illustrative Black-Scholes-Werte mit runden Annahmen, keine echte Aktie. Details im Rechenbeispiel.

Was ist IV Crush?

Der Preis einer Option besteht aus innerem Wert und Zeitwert. Wie hoch der Zeitwert ist, hängt stark von der impliziten Volatilität (IV) ab – der Schwankung, die der Markt für die Restlaufzeit erwartet. Je höher die IV, desto teurer die Option. Wie die Bausteine zusammenwirken, zeigt unser Guide Wie Optionspreise entstehen.

Vor einem bekannten Ereignis mit ungewissem Ausgang steigt die IV der kurzlaufenden Optionen. Bei Quartalszahlen weiß jeder, an welchem Tag die Aktie stark springen kann, aber niemand weiß, in welche Richtung und wie weit. Diese Unsicherheit wird in die Prämie eingepreist. Sobald die Zahlen veröffentlicht sind, ist das Ereignis Geschichte. Die IV fällt oft innerhalb einer Handelssitzung auf das Niveau eines gewöhnlichen Tages zurück – das ist der Crush.

Wie stark eine Position davon betroffen ist, misst Vega: die Preisänderung der Option pro Prozentpunkt IV. Wer Optionen kauft, ist long Vega und verliert beim Crush; wer sie verkauft, ist short Vega und gewinnt. Ausführlich erklärt das unser Guide zur impliziten Volatilität.

Die Mechanik: warum die IV vor dem Termin steigt und danach fällt

Man kann sich die Volatilität bis zum Verfall als Summe aus gewöhnlichen Tagen und einem besonderen Tag vorstellen. Die Bewegung, die für den Earnings-Tag erwartet wird, steckt vollständig in jeder Option, die nach dem Termin verfällt. Bei einer Option mit einer Woche Laufzeit macht dieser eine Tag einen großen Teil der gesamten erwarteten Schwankung aus; bei einer Option mit drei Monaten Laufzeit verteilt er sich auf viele Tage.

  • Kurze Laufzeiten sind am stärksten betroffen. Ihre IV steigt vor dem Termin am meisten und fällt danach am tiefsten.
  • Die Laufzeitstruktur bekommt einen Knick. Die Laufzeit direkt nach dem Termin hat eine deutlich höhere IV als die folgende. Das ist an der Optionskette gut zu erkennen.
  • Der Crush trifft alle Strikes. Calls und Puts verlieren gleichermaßen Zeitwert; der Kursverlauf entscheidet nur, ob der innere Wert das ausgleicht.
  • Längere Laufzeiten verlieren weniger. Bei ihnen ist der Earnings-Tag nur ein Tag unter vielen; ihre IV sinkt nach dem Termin nur moderat.

Expected Move: wie viel Bewegung der Markt einpreist

Wie groß der eingepreiste Sprung ist, lesen Sie am einfachsten am Straddle ab: dem Preis eines Calls plus eines Puts am Geld mit der ersten Laufzeit nach dem Termin. Als Faustregel entspricht dieser Preis ungefähr der Bewegung, die der Markt bis zum Verfall erwartet – in beide Richtungen. Kostet der Straddle bei einer 100-$-Aktie 8 $, preist der Markt etwa ±8 % ein.

Das ist die zentrale Vergleichsgröße. Ein Optionskäufer gewinnt nach den Zahlen nur, wenn die tatsächliche Bewegung größer ist als die eingepreiste. Ein Verkäufer gewinnt, wenn sie kleiner ist. Die Richtung allein entscheidet nicht. Unser Earnings-Kalender zeigt für anstehende Termine die vom Optionsmarkt erwartete Bewegung.

Rechenbeispiel: richtige Richtung, trotzdem kein Gewinn

Illustratives Beispiel: Call und Straddle über die Quartalszahlen

Black-Scholes-Werte mit runden Annahmen (Zins 0, keine Dividende) – keine echte Aktie, keine Marktdaten.

Aktienkurs
100 $
Strike
100 $ (am Geld)
Laufzeit
7 Tage
IV vorher / nachher
80 % / 30 %
  1. 1Vor den Zahlen

    Call und Put kosten bei 80 % IV je etwa 4,40 $. Der Straddle kostet 8,80 $, der Markt preist also rund ±8,8 % Bewegung ein.

  2. 2Zahlen gut, Aktie +4 %

    Die Aktie steigt auf 104 $, die IV fällt auf 30 %. Der Call ist jetzt rund 4,30 $ wert – trotz richtiger Richtung leicht im Minus. Hätte die IV bei 80 % gelegen, wäre er etwa 6,50 $ wert: Der Crush kostet rund 2,20 $ je Aktie.

  3. 3Der Straddle

    Der Put fällt auf etwa 0,30 $. Der Straddle ist zusammen 4,60 $ wert, also rund 48 % weniger als die bezahlten 8,80 $. Die Bewegung von 4 % war kleiner als die eingepreisten 8,8 %.

  4. 4Aktie unverändert

    Bleibt die Aktie bei 100 $, ist der Call bei 30 % IV nur noch etwa 1,50 $ wert – ein Verlust von rund zwei Dritteln über Nacht.

  5. 5Aktie +10 %

    Springt die Aktie auf 110 $, ist der Call etwa 10 $ wert, der Straddle ebenfalls rund 10 $ – ein Gewinn von gut 13 % auf den Straddle. Erst eine Bewegung über dem Expected Move zahlt sich für Käufer aus.

Die Faustregel daraus: Wer vor den Zahlen Optionen kauft, wettet nicht auf die Richtung, sondern darauf, dass die Bewegung größer ausfällt als eingepreist. Verluste von 30 bis 60 % der Prämie über Nacht sind bei Long-Optionen nach Earnings deshalb keine Ausnahme, wenn die Reaktion moderat ausfällt.

Warum Optionskäufer nach Earnings so oft verlieren

  • Sie zahlen die Unsicherheit im Voraus. Die erhöhte IV ist der Preis für die mögliche große Bewegung. Bleibt diese aus, ist das Geld weg.
  • Der Expected Move ist oft großzügig bemessen. Weil Verkäufer für das Risiko eines Ausreißers entschädigt werden wollen, liegt die eingepreiste Bewegung häufig über der tatsächlichen. Garantiert ist das nicht.
  • Kurze Laufzeiten verstärken den Effekt. Gerade die günstig wirkenden Optionen mit wenigen Tagen Restlaufzeit haben die höchste IV vor dem Termin und verlieren danach am meisten.
  • Theta und Vega wirken gemeinsam. Nach dem Termin verliert die Option nicht nur durch den Crush, sondern läuft auch schneller aus. Wer nach einem enttäuschenden Tag auf eine Erholung wartet, verliert weiter Zeitwert.

Strategien, die vom IV Crush profitieren – und ihre Risiken

Short-Vega-Strategien nehmen die erhöhte Prämie vor dem Termin ein und profitieren, wenn die Bewegung kleiner ausfällt als eingepreist. Der Preis dafür ist das Risiko eines Ausreißers.

Strategien mit Short Vega über Quartalszahlen im Vergleich
StrategieAufbauGewinnt, wenn …Risiko
Short Straddle / StrangleCall und Put verkaufendie Aktie innerhalb der Prämie bleibtUnbegrenzt bzw. sehr hoch bei großem Sprung
Iron CondorStrangle verkaufen, Flügel kaufendie Aktie zwischen den kurzen Strikes bleibtBegrenzt auf Flügelbreite minus Prämie
Iron ButterflyStraddle verkaufen, Flügel kaufendie Aktie nahe am Strike schließtBegrenzt, aber enge Gewinnzone
Calendar SpreadKurze Laufzeit verkaufen, längere kaufendie kurze IV stärker fällt als die langeBegrenzt auf die gezahlte Prämie; leidet bei großem Sprung

Für die meisten Privatanleger kommen nur Varianten mit definiertem Risiko infrage. Ein ungedeckter Short Straddle kann bei einer Kurslücke von 20 % ein Vielfaches der eingenommenen Prämie kosten – und Kurslücken nach Quartalszahlen entstehen außerhalb der Handelszeit, ohne dass ein Stop greifen kann. Positionsgröße und maximaler Verlust gehören vor dem Einstieg festgelegt, siehe Risikomanagement.

Checkliste vor einem Trade über die Quartalszahlen

  1. 1Termin prüfen: vor oder nach Börsenschluss? Welche Laufzeit ist die erste nach dem Termin?
  2. 2Expected Move ablesen (Straddle-Preis am Geld) und mit den tatsächlichen Reaktionen der letzten Quartale vergleichen.
  3. 3IV der kurzen Laufzeit mit der folgenden Laufzeit vergleichen: Wie groß ist der Earnings-Aufschlag?
  4. 4Entscheiden, ob Sie auf eine größere (Long Vega) oder kleinere (Short Vega) Bewegung als eingepreist setzen – nicht nur auf die Richtung.
  5. 5Maximalen Verlust bei einer Kurslücke in beide Richtungen berechnen, inklusive des Falls, dass die Bewegung doppelt so groß ausfällt wie erwartet.
  6. 6Ausstieg festlegen: Short-Vega-Positionen werden meist kurz nach Handelsbeginn am Folgetag geschlossen, wenn der Crush eingetreten ist.

Häufige Fragen

Was ist IV Crush einfach erklärt?

IV Crush ist der starke Rückgang der impliziten Volatilität nach einem erwarteten Ereignis wie Quartalszahlen. Vor dem Termin sind Optionen teuer, weil der Markt einen großen Kurssprung einpreist. Danach ist die Unsicherheit weg, die IV fällt, und Optionen verlieren einen großen Teil ihres Zeitwerts – oft über Nacht.

Warum verliert mein Call, obwohl die Aktie nach den Zahlen gestiegen ist?

Weil der Kursanstieg kleiner war als die Bewegung, die vorher in der Prämie steckte. Der Gewinn beim inneren Wert wird durch den Verlust beim Zeitwert aufgezehrt, wenn die IV einbricht. Im Beispiel dieses Guides steigt die Aktie um 4 %, der Call fällt trotzdem leicht, weil 8,8 % eingepreist waren.

Wie berechne ich den Expected Move vor Earnings?

Als Faustregel nehmen Sie den Preis des Straddles am Geld – Call plus Put mit demselben Strike – in der ersten Laufzeit nach dem Termin. Teilen Sie ihn durch den Aktienkurs, erhalten Sie die eingepreiste Bewegung in Prozent, in beide Richtungen. Der Earnings-Kalender auf BeInOptions zeigt diesen Wert für anstehende Termine.

Wie stark fällt die IV nach Quartalszahlen?

Das ist von Aktie zu Aktie und Quartal zu Quartal verschieden. Bei kurzlaufenden Optionen ist ein Rückgang um die Hälfte oder mehr keine Seltenheit, längere Laufzeiten verlieren deutlich weniger. Eine feste Zahl gibt es nicht; vergleichen Sie die IV der Laufzeit vor und nach dem Termin, um den Aufschlag zu schätzen.

Welche Strategien profitieren vom IV Crush?

Strategien, die Optionen verkaufen und short Vega sind: Iron Condor, Iron Butterfly, Short Strangle oder Calendar Spread. Sie gewinnen, wenn die Aktie sich weniger bewegt als eingepreist. Varianten mit gekauften Flügeln begrenzen den Verlust bei einem großen Sprung und sind für die meisten Anleger die vernünftigere Wahl.

Kann ich IV Crush als Käufer vermeiden?

Ganz vermeiden lässt er sich nicht, aber verringern: mit Debit Spreads, bei denen der verkaufte Teil den Crush teilweise ausgleicht, mit längeren Laufzeiten, deren IV weniger fällt, oder indem Sie erst nach den Zahlen einsteigen, wenn die IV bereits gesunken ist. Jede Variante tauscht einen Teil des Gewinnpotenzials gegen weniger Vega-Risiko.

So geht es weiter

Alle Zahlenbeispiele in diesem Guide sind gerundete, illustrative Annahmen und keine Marktdaten. Der Inhalt dient der Bildung und ist keine Anlageberatung. Optionen sind komplexe Instrumente; Verluste bis zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals sind möglich, bei verkauften Optionen auch darüber hinaus.