Volatilität · Marktindikatoren
Der VIX erklärt: was der Volatilitätsindex misst und wie Sie ihn lesen
Der VIX ist der Volatilitätsindex der Cboe. Er berechnet aus den Preisen von S&P-500-Optionen, wie stark der Markt den Index in den nächsten 30 Tagen schwanken sieht, und drückt das als annualisierte Prozentzahl aus. Ein VIX von 20 heißt also nicht „20 % Verlust“, sondern: Optionen preisen eine Schwankung von rund 20 % pro Jahr ein, das sind etwa ±5,8 % auf Monatssicht.
Von Daniel Berg ·
Beispiel: VIX bei
20
- Erwartete Schwankung pro Jahr
- ±20 %
- Pro Monat (÷ √12)
- ≈ ±5,8 %
- Pro Handelstag (÷ 16)
- ≈ ±1,25 %
- Gilt für
- S&P 500, nächste 30 Tage
Faustregeln für eine Standardabweichung. Märkte sind nicht normalverteilt; größere Ausschläge kommen häufiger vor, als die Formel nahelegt.
Was misst der VIX genau?
Der VIX misst keine vergangenen Kursbewegungen, sondern eine Erwartung: die implizite Volatilität des S&P 500 für die kommenden 30 Kalendertage. Implizit heißt, dass die Zahl aus Optionspreisen abgeleitet wird. Zahlen Anleger viel für Puts und Calls auf den Index, steigt der VIX; werden Optionen billiger, fällt er. Was implizite Volatilität allgemein bedeutet, erklärt unser IV-Guide.
Die Cboe berechnet den Index seit 2003 nach der heutigen Methode aus einer breiten Spanne von S&P-500-Optionen aus dem Geld, Puts unterhalb und Calls oberhalb des aktuellen Kurses. Verwendet werden zwei Laufzeiten, die die 30-Tage-Marke einschließen; zwischen ihnen wird interpoliert, sodass immer ein konstanter 30-Tage-Horizont herauskommt. Die Methode kommt ohne ein bestimmtes Preismodell wie Black-Scholes aus.
Den Spitznamen „Angstindex“ hat der VIX, weil er typischerweise steigt, wenn Aktien fallen. In Ausverkäufen kaufen Anleger Puts zur Absicherung, und das treibt die impliziten Volatilitäten nach oben. Steigende Kurse gehen dagegen meist mit fallendem VIX einher. Diese negative Beziehung ist eine Tendenz, kein Gesetz: Es gibt Phasen, in denen Index und VIX gemeinsam steigen.
VIX-Werte lesen: von der Zahl zur erwarteten Bewegung
Weil der VIX annualisiert ist, müssen Sie ihn auf Ihren Zeitraum herunterrechnen. Volatilität wächst mit der Wurzel der Zeit. Für einen Monat teilen Sie durch √12 ≈ 3,46, für einen Handelstag durch √252 ≈ 16. Daher stammt die „Regel der 16“: Ein VIX von 16 entspricht einer erwarteten Tagesschwankung von etwa ±1 %.
| VIX | Erwartete Tagesschwankung | Erwartete Monatsschwankung | Typisches Umfeld |
|---|---|---|---|
| unter 15 | unter ±0,95 % | unter ±4,3 % | Ruhiger Markt, Absicherung günstig |
| 15–20 | ±0,95–1,25 % | ±4,3–5,8 % | Normales Umfeld |
| 20–30 | ±1,25–1,9 % | ±5,8–8,7 % | Erhöhte Unsicherheit, Nachrichtenlage nervös |
| über 30 | über ±1,9 % | über ±8,7 % | Stress, starke Absicherungsnachfrage |
Zur Orientierung: Über lange Zeiträume lag der VIX im Mittel etwas unter 20, der Median noch darunter. In akuten Krisen schoss er weit über 50 – im Herbst 2008 und im März 2020 schloss er über 80. In sehr ruhigen Phasen wie 2017 fiel er zeitweise unter 10. Für Ihre Einordnung ist der Vergleich mit der jüngeren Vergangenheit oft aussagekräftiger als eine feste Schwelle.
Rechenbeispiel: was ein VIX von 20 für den S&P 500 bedeutet
Runde Annahmen zur Veranschaulichung – kein aktueller Index- oder VIX-Stand.
- S&P 500
- 5.000 Punkte
- VIX
- 20
- Horizont
- 30 Tage
- Maß
- 1 Standardabw.
1Monatsspanne
20 % ÷ √12 ≈ 5,8 %. Bezogen auf 5.000 Punkte sind das rund ±290 Punkte: eine erwartete Spanne von etwa 4.710 bis 5.290 Punkten über 30 Tage.
2Tagesspanne
20 % ÷ 16 = 1,25 %. Das sind rund ±63 Punkte an einem typischen Handelstag.
3VIX steigt auf 30
Die erwartete Monatsspanne wächst auf etwa ±8,7 % oder ±430 Punkte. Optionen auf den Index werden spürbar teurer, weil Käufer für eine größere mögliche Bewegung bezahlen.
4VIX fällt auf 12
Die Monatsspanne schrumpft auf etwa ±3,5 % oder ±175 Punkte. Absicherung über Puts wird billig – aber auch die Prämie, die Verkäufer von Optionen einnehmen.
Der VIX sagt nicht, wohin sich der Index bewegt, sondern wie viel Bewegung der Optionsmarkt gerade einpreist. Ob diese Erwartung zu hoch oder zu niedrig ist, zeigt sich erst im Nachhinein.
VIX vs. realisierte Volatilität: Erwartung und Wirklichkeit
Die realisierte (historische) Volatilität misst, wie stark der Index tatsächlich geschwankt hat. Der VIX misst, wie stark er schwanken soll. Die beiden Größen unterscheiden sich systematisch: Meistens liegt der VIX über der Volatilität, die anschließend tatsächlich eintritt. Diese Differenz nennt man Volatilitätsrisikoprämie.
Der Grund ist Nachfrage nach Versicherung. Viele Anleger sichern ihre Aktienbestände mit Index-Puts ab und sind bereit, dafür mehr als den rechnerisch fairen Wert zu zahlen. Optionsverkäufer verlangen eine Prämie dafür, dieses Risiko zu tragen. Daraus folgt, dass das Verkaufen von Optionen im Durchschnitt Prämie einbringt – aber mit seltenen, sehr großen Verlusten, wenn die realisierte Volatilität plötzlich explodiert.
- VIX deutlich über realisiert: Der Markt preist mehr Bewegung ein, als zuletzt stattfand – häufig nach einem Schock, wenn die Angst langsamer abklingt als die Kursbewegung.
- VIX nahe oder unter realisiert: Selten und meist in Phasen, in denen die Märkte bereits stark schwanken. Dann ist Absicherung relativ zur tatsächlichen Bewegung nicht teuer.
- Volatilität kehrt zur Mitte zurück: Sehr hohe VIX-Werte halten selten lange, sehr niedrige können dagegen monatelang bestehen bleiben.
Was der VIX für Ihre Optionspreise bedeutet
Der VIX ist die implizite Volatilität eines Index. Für Optionen auf den S&P 500, den SPY-ETF oder ähnliche Indexprodukte ist er ein direkter Preisfaktor: Steigt der VIX, steigt der Zeitwert dieser Optionen; das misst das Greek Vega. Einzelaktien haben eigene implizite Volatilitäten. Sie bewegen sich oft in dieselbe Richtung wie der VIX, liegen aber auf einem anderen Niveau und hängen stark von unternehmensspezifischen Terminen wie Quartalszahlen ab – siehe IV Crush.
Hoher VIX
Optionen sind teuer. Prämienstrategien mit begrenztem Risiko wie Credit Spreads oder der Iron Condor nehmen mehr ein. Käufer brauchen größere Bewegungen, um in die Gewinnzone zu kommen.
Niedriger VIX
Optionen sind günstig. Absicherung über Puts oder ein Collar kostet weniger. Verkäufer erhalten wenig Prämie für dasselbe Risiko und sollten das bei der Positionsgröße berücksichtigen.
Steigender VIX
Long-Optionen profitieren über Vega, Short-Optionen verlieren – oft gleichzeitig mit einer Kursbewegung gegen Verkäufer von Puts. Das ist der Moment, in dem Short-Volatility-Positionen am stärksten leiden.
Der VIX ist außerdem nur ein Durchschnitt über viele Strikes. Puts weit aus dem Geld haben bei Indizes meist eine höhere implizite Volatilität als Calls – das ist der Volatility Skew. Wer eine konkrete Option bewertet, sollte deren eigene IV ansehen, nicht nur den VIX.
Kann man den VIX handeln? Futures, Optionen und ETPs
Den VIX selbst kann man nicht kaufen, er ist ein berechneter Index. Gehandelt werden VIX-Futures, VIX-Optionen und börsengehandelte Produkte, die Futures nachbilden. Diese Instrumente folgen dem Kassa-VIX nur eingeschränkt, denn ein Future bildet die erwartete Volatilität zu einem späteren Zeitpunkt ab.
- Contango ist der Normalfall: In ruhigen Phasen notieren spätere VIX-Futures über den früheren. Produkte, die laufend in den nächsten Future rollen, verlieren dabei Wert – auch wenn der VIX unverändert bleibt.
- Backwardation in Stressphasen: Im Ausverkauf liegen kurze Futures über langen. Das gilt als Zeichen akuter Angst.
- VIX-Optionen beziehen sich auf den Future, nicht auf den Kassa-VIX, und werden über einen besonderen Eröffnungskurs abgerechnet. Sie verhalten sich deshalb anders, als es der Blick auf den aktuellen VIX vermuten lässt.
Häufige Irrtümer über den VIX
„Niedriger VIX heißt, ein Crash kommt“
Ein niedriger VIX zeigt Gelassenheit und günstige Absicherung. Er kann monatelang niedrig bleiben. Er ist ein Hinweis, dass Absicherung billig ist, kein Timing-Signal.
„VIX 30 heißt 30 % Verlust“
Der VIX ist eine erwartete Schwankungsbreite in beide Richtungen, annualisiert. VIX 30 entspricht etwa ±8,7 % auf Monatssicht als eine Standardabweichung.
„Der VIX gilt für alle Aktien“
Er misst nur den S&P 500. Einzelaktien, der DAX oder Krypto haben eigene Volatilitäten, die sich vom VIX deutlich unterscheiden können.
„Ein VIX-ETP bildet den VIX ab“
Solche Produkte halten Futures, nicht den Index. Im Contango verlieren sie selbst dann, wenn der VIX gleich bleibt.
Häufige Fragen
Was ist der VIX einfach erklärt?
Der VIX ist ein Index der Cboe, der aus Optionspreisen berechnet, wie stark der S&P 500 in den nächsten 30 Tagen schwanken dürfte. Er wird als annualisierte Prozentzahl angegeben. Ein hoher VIX bedeutet, dass Anleger viel für Optionen und Absicherung zahlen, ein niedriger, dass der Markt ruhige Zeiten erwartet.
Was ist ein normaler VIX-Wert?
Über lange Zeiträume lag der VIX im Mittel etwas unter 20. Werte unter 15 gelten als ruhig, 20 bis 30 als erhöht, über 30 als Stress. Das sind Faustregeln: Aussagekräftiger ist oft der Vergleich mit den letzten Monaten, weil sich das Niveau über Marktphasen hinweg verschiebt.
Wie rechne ich den VIX in eine erwartete Bewegung um?
Teilen Sie den VIX für eine Monatsspanne durch etwa 3,46 (Wurzel aus 12) und für einen Handelstag durch 16 (ungefähr die Wurzel aus 252). Ein VIX von 20 entspricht so rund ±5,8 % pro Monat und ±1,25 % pro Tag – jeweils als eine Standardabweichung, nicht als Höchstwert.
Warum steigt der VIX, wenn die Aktien fallen?
In fallenden Märkten kaufen Anleger Puts zur Absicherung, und die erwartete Schwankung steigt. Beides erhöht die Preise der Indexoptionen und damit den VIX. In steigenden Märkten lässt die Nachfrage nach Schutz nach, und der VIX fällt meist. Die Beziehung ist stark, aber nicht ausnahmslos.
Kann man den VIX direkt kaufen?
Nein, der VIX ist ein berechneter Index. Handelbar sind VIX-Futures, VIX-Optionen und Produkte, die Futures nachbilden. Weil Futures meist im Contango notieren, verlieren Long-Produkte durch das Rollen über die Zeit an Wert, auch wenn der VIX unverändert bleibt.
Gibt es einen VIX für den DAX?
Ja. Der VDAX-NEW misst nach dem gleichen Prinzip die erwartete 30-Tage-Volatilität des DAX aus DAX-Optionen. Für den Euro Stoxx 50 gibt es den VSTOXX. Die Lesart ist gleich, die Niveaus unterscheiden sich vom VIX.
So geht es weiter
Alle Zahlenbeispiele in diesem Guide sind gerundete, illustrative Annahmen und keine Marktdaten. Der Inhalt dient der Bildung und ist keine Anlageberatung. Optionen sind komplexe Instrumente; Verluste bis zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals sind möglich, bei verkauften Optionen auch darüber hinaus.