Märkte verstehen · Dividenden
Ex-Dividende: Warum die Aktie am Ex-Tag fällt
Der Ex-Dividenden-Tag (kurz Ex-Tag) ist der erste Handelstag, an dem eine Aktie ohne Anspruch auf die nächste Dividende gehandelt wird. Wer die Aktie erst an diesem Tag kauft, bekommt die Ausschüttung nicht mehr. Deshalb eröffnet der Kurs rechnerisch um ungefähr den Dividendenbetrag niedriger – der sogenannte Dividendenabschlag.
Für Aktionäre ist das kein Verlust: Der Wert wandert aus dem Kurs auf das Konto. Für Optionshändler ist der Ex-Tag dagegen ein Termin mit echten Folgen, vor allem für verkaufte Calls.
Von Daniel Berg ·
Ex-Tag, Record Date, Zahltag: die vier Termine einer Dividende
Rund um jede Dividende gibt es vier Daten. Wer sie verwechselt, kauft einen Tag zu spät oder verkauft einen Tag zu früh. Die Reihenfolge ist immer dieselbe, nur die Abstände unterscheiden sich je nach Markt.
- 01
Ankündigung
Das Unternehmen legt Höhe und Termine fest. In Deutschland beschließt die Hauptversammlung über die Gewinnverwendung, in den USA entscheidet meist der Board of Directors.
- 02
Ex-Tag (Ex-Date)
Erster Handelstag ohne Dividendenanspruch. Entscheidend ist, dass Sie die Aktie vor diesem Tag gekauft haben – also spätestens am Handelstag davor.
- 03
Record Date (Dividendenstichtag)
An diesem Tag wird festgestellt, wer im Bestand ist. Weil Wertpapiergeschäfte erst nach dem Handelstag abgewickelt werden, liegt der Ex-Tag so, dass nur Käufe vor dem Ex-Tag rechtzeitig verbucht sind.
- 04
Zahltag (Payment Date)
Die Dividende wird gutgeschrieben – in Deutschland meist wenige Geschäftstage nach der Hauptversammlung, bei US-Aktien oft einige Wochen nach dem Ex-Tag.
| Markt | Ex-Tag | Record Date | Zahltag |
|---|---|---|---|
| Deutschland | in der Regel Geschäftstag nach der Hauptversammlung | Geschäftstag nach dem Ex-Tag | meist dritter Geschäftstag nach der Hauptversammlung |
| USA (seit Umstellung auf T+1, Mai 2024) | in der Regel derselbe Tag wie das Record Date | vom Unternehmen festgelegt | oft einige Wochen später |
Ein Detail, das viele ältere Erklärungen noch falsch darstellen: In den USA lag der Ex-Tag früher ein bis zwei Tage vor dem Record Date. Seit der Abwicklungszyklus auf einen Tag (T+1) verkürzt wurde, fallen beide in der Regel auf denselben Tag. An der Faustregel ändert das nichts: Sie müssen vor dem Ex-Tag kaufen.
Auch die Häufigkeit unterscheidet sich. Viele deutsche Unternehmen schütten einmal im Jahr aus, viele US-Unternehmen vierteljährlich. Bei einer jährlichen Dividende ist der einzelne Abschlag deshalb oft deutlich größer – und für Optionspositionen spürbarer.
Warum der Kurs am Ex-Tag fällt
Die Dividende ist Geld, das das Unternehmen an seine Aktionäre auszahlt. Dieses Geld steht danach nicht mehr in der Bilanz, das Unternehmen ist also um genau diesen Betrag weniger wert. Gleichzeitig bekommt ein Käufer am Ex-Tag diese Zahlung nicht mehr. Kein vernünftiger Käufer würde deshalb am Ex-Tag denselben Preis zahlen wie am Vortag, als die Dividende noch dazugehörte.
Die Börse bildet das ab, indem der Kurs am Ex-Tag um ungefähr den Dividendenbetrag niedriger startet. Danach bewegt sich die Aktie wie an jedem anderen Tag: Steigt der Gesamtmarkt kräftig, kann der Abschlag im Tagesverlauf überdeckt werden; fällt er, sieht der Rückgang größer aus. Der Abschlag ist ein Rechenschritt, keine Bewertung des Unternehmens.
Rechenbeispiel · illustrativ, keine Marktdaten
- Depotwert am Vortag (100 × 50 €)
- 5.000 €
- Rechnerischer Eröffnungskurs am Ex-Tag
- ca. 48 €
- Depotwert am Ex-Tag (100 × 48 €)
- 4.800 €
- Dividendenanspruch (100 × 2 €, vor Steuern)
- 200 €
- Vermögen gesamt, vor Steuern
- 5.000 €
Das Vermögen bleibt vor Steuern gleich; es ist nur von „Aktie“ zu „Bargeld“ umgeschichtet. Nach Steuern kann es sogar etwas weniger sein, weil die Dividende besteuert wird, der Kursabschlag aber nicht sofort steuerlich wirkt.
Charts und Renditen
Viele Kursdarstellungen zeigen den Abschlag als Lücke. Performance-Vergleiche sollten deshalb mit Total Return (Kurs plus reinvestierte Dividenden) rechnen. Der DAX ist zum Beispiel ein Performanceindex, in dem Dividenden rechnerisch reinvestiert werden – einzelne Aktienkurse sind es nicht.
Was der Ex-Tag für Optionen bedeutet
Eine verbreitete Annahme lautet: Am Ex-Tag fällt die Aktie, also verlieren Calls und gewinnen Puts. Das stimmt nur zur Hälfte. Bekannte Dividenden sind in Optionspreisen bereits eingepreist, lange bevor der Ex-Tag kommt.
Dividenden sind im Optionspreis schon enthalten
Preismodelle rechnen mit dem erwarteten Kurs bei Verfall. Steht während der Laufzeit eine Dividende an, liegt dieser Terminkurs entsprechend niedriger. Calls sind deshalb schon vorher etwas günstiger, Puts etwas teurer, als sie es ohne Dividende wären. Am Ex-Tag springt die Optionsprämie also nicht automatisch um den Abschlag – sie reagiert auf unerwartete Bewegungen, wie an jedem anderen Tag. Wie die Prämie aus innerem Wert und Zeitwert entsteht, erklärt unser Guide Wie Optionspreise entstehen.
Auch die Kontrakte selbst werden bei normalen Bardividenden nicht angepasst: Strike und Kontraktgröße bleiben gleich. Anpassungen sind Sonderfällen wie außergewöhnlich hohen Sonderdividenden vorbehalten; die Regeln dafür legt die jeweilige Börse oder Clearingstelle fest.
Das echte Risiko: vorzeitige Ausübung bei Short Calls
Die meisten Aktienoptionen in den USA und an der Eurex sind amerikanischen Typs. Der Käufer darf also jederzeit vor Verfall ausüben. Normalerweise lohnt sich das nicht, weil er dabei den verbleibenden Zeitwert verschenkt. Vor einem Ex-Tag ändert sich die Rechnung: Wer einen Call im Geld ausübt, erhält die Aktie noch rechtzeitig vor dem Ex-Tag und damit die Dividende. Ist die Dividende größer als der restliche Zeitwert des Calls, ist die Ausübung am letzten Handelstag vor dem Ex-Tag für den Käufer rational. Für Sie als Verkäufer bedeutet das eine Zuteilung (Assignment).
Rechenbeispiel · illustrativ, keine Marktdaten
- Innerer Wert des Calls (50 € − 40 €)
- 10,00 €
- Angenommener Callpreis am Tag vor dem Ex-Tag
- 10,10 €
- Restlicher Zeitwert
- 0,10 €
- Dividende je Aktie
- 1,00 €
- Vorteil der Ausübung für den Käufer
- ca. 0,90 € je Aktie
Statt den Call für 10,10 € zu verkaufen, übt der Käufer aus, kauft die Aktie für 40 € und erhält die Dividende von 1 €. Er gibt 0,10 € Zeitwert auf und gewinnt 1 €. Bei 100 Aktien je Kontrakt sind das rund 90 € Unterschied – genug, dass professionelle Marktteilnehmer solche Calls systematisch ausüben.
Liegt der Zeitwert dagegen über der Dividende, etwa bei einem Call am Geld mit längerer Restlaufzeit, ist die vorzeitige Ausübung für den Käufer meist unvorteilhaft. Eine Garantie ist das nicht, denn nicht jeder Käufer handelt rational.
Was eine Zuteilung konkret auslöst
Covered Call
Ihre Aktien werden zum Strike ausgebucht, bevor die Dividende fällig wird. Sie behalten Prämie und Kursgewinn bis zum Strike, verpassen aber die Dividende, mit der Sie vielleicht gerechnet haben. Mehr zur Strategie im Covered-Call-Guide.
Ungedeckter (nackter) Call
Ohne Aktien im Depot entsteht eine Short-Position in der Aktie. Wer am Record Date short ist, schuldet dem Verleiher der Aktie die Dividende. Aus einer vermeintlich kleinen Optionsposition wird eine Zahlungsverpflichtung plus offenes Kursrisiko.
Call-Spreads
Wird der verkaufte Call eines Spreads zugeteilt, der gekaufte aber nicht ausgeübt, ist die Absicherung zeitweise aus dem Gleichgewicht. Wer den Long Call nicht rechtzeitig selbst ausübt, kann die Dividende schulden und am Ex-Tag zusätzlich Kursrisiko tragen.
Puts
Für Puts gilt der umgekehrte Effekt: Die erwartete Dividende macht sie wertvoller, und eine vorzeitige Ausübung vor dem Ex-Tag lohnt sich für den Put-Käufer in der Regel nicht, weil er die Dividende sonst selbst noch kassieren könnte.
Praxis: So gehen Sie als Optionshändler mit Ex-Tagen um
- Ex-Tage kennen: Prüfen Sie vor jedem Trade, ob während der Laufzeit eine Dividende ansteht. Die Termine stehen in der Bekanntmachung des Unternehmens und meist auch in der Plattform Ihres Brokers.
- Short Calls im Geld prüfen: Vergleichen Sie am Tag vor dem Ex-Tag den Zeitwert Ihrer verkauften Calls mit der Dividende. Ist der Zeitwert kleiner, rechnen Sie mit einer Zuteilung.
- Rechtzeitig handeln: Schließen oder rollen Sie gefährdete Short Calls vor Handelsschluss am letzten Tag mit Dividendenanspruch, wenn Sie die Aktien oder die Dividende behalten wollen.
- Spreads überwachen: Beachten Sie bei Call-Spreads, dass nur das kurze Bein zugeteilt werden kann. Überlegen Sie, ob Sie den Long Call selbst ausüben oder die Position vorher schließen.
- Stop-Orders bedenken: Ein Stop knapp unter dem Kurs kann allein durch den Abschlag ausgelöst werden. Prüfen Sie, wie Ihr Broker offene Orders um den Ex-Tag behandelt.
- Steuern einplanen: Dividenden unterliegen in Deutschland der Abgeltungsteuer; bei ausländischen Aktien kann zusätzlich Quellensteuer anfallen. Einen Überblick gibt unser Guide zu Steuern auf Optionen und Kapitalerträge.
Drei verbreitete Irrtümer rund um die Ex-Dividende
Irrtum 1: „Am Ex-Tag verliere ich Geld.“
Der Abschlag entspricht der Dividende, die Sie erhalten. Vor Steuern bleibt das Vermögen gleich. Wer nur auf den Kurschart schaut, sieht einen Verlust, der keiner ist.
Irrtum 2: „Dividend Capture ist Geld geschenkt.“
Die Idee: kurz vor dem Ex-Tag kaufen, Dividende mitnehmen, gleich danach verkaufen. Weil der Kurs um etwa die Dividende fällt, bleibt im Durchschnitt nichts übrig – nach Gebühren, Spread und Steuern auf die Dividende eher weniger. Wer zusätzlich einen Call verkauft, um den Abschlag abzufedern, trägt genau das oben beschriebene Zuteilungsrisiko.
Irrtum 3: „Puts vor dem Ex-Tag sind ein sicherer Gewinn.“
Weil der Abschlag bekannt ist, steckt er längst im Put-Preis. Ein Put gewinnt nur, wenn die Aktie stärker fällt als vom Markt erwartet. Das ist eine gewöhnliche Wette auf den Kurs, keine Arbitrage.
Häufige Fragen
Wann muss ich eine Aktie kaufen, um die Dividende zu bekommen?
Spätestens am Handelstag vor dem Ex-Tag. Wer am Ex-Tag selbst oder später kauft, hat keinen Anspruch auf die anstehende Dividende. Sie dürfen die Aktie am Ex-Tag bereits wieder verkaufen und erhalten die Dividende trotzdem.
Fällt die Aktie am Ex-Tag immer genau um die Dividende?
Rechnerisch eröffnet sie um ungefähr den Dividendenbetrag niedriger. Im Tagesverlauf überlagern Nachrichten, Marktstimmung und Angebot und Nachfrage diesen Effekt. Der Schlusskurs kann deshalb höher oder tiefer liegen, als der reine Abschlag vermuten lässt.
Was ist der Unterschied zwischen Ex-Tag und Record Date?
Der Ex-Tag ist der erste Handelstag ohne Dividendenanspruch. Das Record Date ist der Stichtag, an dem die Aktionäre festgestellt werden. In Deutschland liegt das Record Date in der Regel einen Geschäftstag nach dem Ex-Tag; in den USA fallen beide seit der Umstellung auf T+1 im Mai 2024 in der Regel auf denselben Tag.
Werden Optionen am Ex-Tag angepasst?
Bei normalen Bardividenden nicht. Strike und Kontraktgröße bleiben gleich, weil erwartete Dividenden bereits im Optionspreis berücksichtigt sind. Nur bei Sonderfällen wie außergewöhnlich hohen Sonderdividenden kann die Börse oder Clearingstelle die Kontrakte nach ihren Regeln anpassen.
Kann mein Covered Call vor dem Ex-Tag zugeteilt werden?
Ja, wenn der Call im Geld liegt und sein restlicher Zeitwert kleiner ist als die Dividende. Dann lohnt sich für den Käufer die Ausübung am letzten Tag vor dem Ex-Tag. Ihre Aktien werden zum Strike verkauft und Sie erhalten die Dividende nicht. Wer das vermeiden will, schließt oder rollt den Call rechtzeitig.
Wie oft zahlen deutsche Unternehmen Dividende?
Viele deutsche Unternehmen schütten einmal im Jahr nach der Hauptversammlung aus, einige auch halbjährlich oder quartalsweise. US-Unternehmen zahlen häufig vierteljährlich. Maßgeblich ist immer die Bekanntmachung des jeweiligen Unternehmens.
Wie werden Dividenden in Deutschland besteuert?
Dividenden zählen zu den Kapitalerträgen und unterliegen der Abgeltungsteuer zuzüglich Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer, soweit der Sparer-Pauschbetrag ausgeschöpft ist. Bei ausländischen Aktien kann Quellensteuer hinzukommen. Für Ihre persönliche Situation fragen Sie eine Steuerberatung.
Quellen und Einordnung
Alle Zahlen in den Rechenbeispielen sind runde, fiktive Lernwerte und keine Kurse realer Aktien. Termine und Abläufe orientieren sich an den folgenden Primärquellen; einige davon sind englischsprachig. Dieser Guide dient der Bildung und ersetzt keine Anlage- oder Steuerberatung.
Den nächsten Zusammenhang verstehen
Ausübung & Zuteilung verstehen
Was genau passiert, wenn eine Option ausgeübt wird.
Covered Calls richtig managen
Prämie kassieren, ohne von der Zuteilung überrascht zu werden.
Wie Optionspreise entstehen
Innerer Wert, Zeitwert und warum Dividenden schon eingepreist sind.
Steuern auf Kapitalerträge
Abgeltungsteuer, Freibetrag und Verlustverrechnung im Überblick.