Powell geht, Warsh kommt
Um 7:30 Uhr deutscher Zeit öffnen die Märkte unter einem neuen Regime. Jerome Powell, der die Federal Reserve durch Pandemie, Inflationskrise und Zinsschock führte, beendete gestern offiziell seine Amtszeit. Kevin Warsh, ehemaliger Fed-Gouverneur und Goldman-Sachs-Banker, übernimmt heute die mächtigste Position der Finanzwelt.
Die Reaktion der Märkte? Zurückhaltend. Der DAX notiert vorbörslich bei 24.400 Punkten, ein Plus von 0.5%. US-Futures bewegen sich kaum: S&P 500 -0.19%, Nasdaq -0.20%. Asien schloss gemischt — der Nikkei verlor 0.8%, Shanghai legte 0.3% zu.
Was Optionshändler jetzt sehen
Die Volatilität konzentriert sich auf drei Bereiche:
Bankaktien: JPMorgan, Bank of America und Goldman Sachs verzeichnen ungewöhnliches Call-Volumen. Die implizite Volatilität (IV) bei 30-Tage-Calls liegt bei durchschnittlich 42% — das höchste Niveau seit Februar. Der Markt preist ein: Warsh könnte regulatorische Lockerungen vorantreiben.
Tech-Puts als Absicherung: NVIDIA und Apple sehen Put-Käufe bei Strikes 10% unter dem aktuellen Kurs. Das ist kein Crash-Szenario, sondern institutionelle Portfolio-Absicherung vor der ersten großen Entscheidung des neuen Fed-Chefs.
EUR/USD-Optionen: Der Euro notiert bei 1.0820 Dollar. 1-Monats-Calls mit Strike 1.10 kosten heute 30% mehr als gestern. Der Grund: Unsicherheit über Warsh' Haltung zum starken Dollar.
Die Frage, die niemand beantworten kann
Warsh gilt als Falke — er warnte bereits 2021 vor Inflation, als Powell noch von "transitory" sprach. Aber er ist auch Goldman-Alumni und enger Vertrauter der Wall Street. Wird er Zinsen aggressiv senken, um Märkte zu stützen? Oder wird er Powell-Erbe verteidigen und restriktiv bleiben?
Die erste FOMC-Sitzung unter Warsh findet in 3 Wochen statt. Bis dahin handeln Trader im Blindflug. Das erklärt die erhöhte Volatilität bei kurz laufenden Optionen: Niemand will über den 10. Juni exponiert sein, ohne zu wissen, wie der neue Chef tickt.
Ein Detail am Rande: Powell hinterlässt einen Leitzins von 4.50% — genau dort, wo er vor einem Jahr stand. Acht Jahre Fed-Chef, und die finale Bilanz ist ein Zickzack-Kurs zwischen Notfall-Lockerung und Inflationsbekämpfung. Warsh' Vermächtnis beginnt heute.
Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Vergangene Wertentwicklungen sind kein Indikator für künftige Ergebnisse.
